Feng Shui – Der Raum ist dein Lehrer

Feng Shui ist eine traditionelle, uralte Lehre aus China, deren Ziel die Hamonisierung des Menschen mit seiner Umgebung ist. Viele denken, dass es hierbei nur um Einrichtung geht, doch Feng Shui ist viel mehr als nur „Sofa rücken“ oder Gestaltung. Wenn du dich tiefer auf die mystischen und philosophischen Aspekte einlässt, wird es zu einem spirituellen Pfad, der genau vor deinen Füßen, in deinem eigenen Wohnzimmer anfangen kann.

von Peter Fischer

Gefühle beeinflussen Gedanken

Bau dir das als Übung bildlich vor dem inneren Auge zusammen: Ein schwarzes Ledersofa mit Stahlrohr in einem Raum mit bläulichem Licht, überall sind kalte Farben und Schwarz-Weiß- Bilder an den Wänden. Stelle dem gedanklich einen Raum mit einem plüschigen roten Kuschelsofa, umgeben von hellen freundlichen Farben und verspielten Accessoires, entgegen. Genau, es fühlt sich ganz verschieden an. Und das bedeutet: Der Raum macht etwas mit dir, er beeinflusst deine Gefühle. Damit verändert er auch das, was du denkst – denn wissenschaftliche Studien haben bewiesen: Gedanken sind zu einem großen Teil die Reaktion unseres Gehirns auf unsere Gefühle. Gedanken wiederum führen zu Worten und zu Handlungen. Der Raum kann also letztendlich dein Verhalten beeinflussen. Der Raum hat einen Einfluss auf dich. Und: Du kannst den Raum verändern!

Die 5-Elemente-Lehre

Es gibt im Feng Shui verschiedene Erklärungsebenen zum Zusammenspiel von Mensch und Umgebung – das Prinzip der sich ergänzenden Gegensätze von Yin & Yang, den Qi-Fluss (die allem innewohnende Energie) und die 5-Elemente- Lehre, die beispielsweise Grundlage der Traditionellen Chinesischen Medizin ist. Folgt man der 5-Elemente-Lehre, dann entspricht das schwarze Ledersofa dem Element Wasser. Wasser hat eine kühlende, absenkende Wirkung, und so wirst du hier vielleicht wahrnehmen, wie deine Gefühle beruhigt werden, wie du mehr zu dir kommst und vielleicht eher über Themen nachdenkst, die mit den Hintergründen, der Essenz, dem „Sinn“ der Dinge zu tun haben. Das rote Sofa hingegen gehört zum Element Feuer, das dem Wasser genau gegenübersteht. Das Feuer ist aufsteigend, belebend und erhitzend und bringt dich eher in die „Kommunikation des Herzens“, es hat ganz viel mit dem Ausdruck von Gefühlen zu tun, mit „Schönheit“ und der sozialen Interaktion. Das rote Sofa ist also perfekt für den Kaffee-Klatsch, das schwarze Ledersofa dafür, wenn du alleine sein und deine Aufmerksamkeit mehr nach innen richten willst.

Magische Priester-Krieger-Heiler & Daoismus

Die Umweltpsychologie bestätigt immer mehr Aussagen des Feng Shui, doch Feng Shui ist viel älter als unsere Naturwissenschaften. In seinen Anfängen geht es auf das Alte China zurück, als Menschen, die wir heute „Daoisten“ nennen, die Welt um sich herum verstehen wollten. Dort, wo die westlichen Wissenschaften eher an äußeren, kausalen Zusammenhängen interessiert sind, waren die Daoisten eher „Schamanen“ und haben nach „innen“ geschaut, um energetische Zusammenhänge zu verstehen. Da sie diese innere Welt mit der gleichen Intensität wie unsere westlichen Wissenschaftler die äußere erforscht haben, ist über die Jahrtausende eine komplexe Lehre entstanden, die 武術„Wu Shu“, die „fünf klassischen Wissenschaften“ des kaiserlichen Chinas.

Hier ging es um die Ausbildung von „daoistischen Schamanen“. Neben magischen Kräften verfügten diese auch über Heilkräfte, waren Ärzte und Krieger. Ein gutes Beispiel ist Lao- Tse, der Autor des „Dao De Jing“ (Tao Te King). Er war ein hochgradiger daoistischer Adept, ein „Sheng Ren“ (Unsterblicher). Das muss man sich als eine Art Priester-Krieger- Heiler vorstellen, der sich nicht nur im Wu Shu auskannte, sondern auch Feldherr, Söldner und Ratgeber von Herrschern war. Das musste er auch, denn er lebte in einer sehr blutigen Epoche und hat sich damit beschäftigt, wie man in schwierigen Zeiten überleben kann.

Die „fünf Klassischen Wissenschaften Chinas“

Jetzt fragst du dich bestimmt was LaoTse alles konnte? Die „fünf klassischen Wissenschaften Chinas“ (Wu Shu) sind:

1. „Shan ⼭“: Qigong, Tai Chi, Kung Fu und die daoistischen Meditationen. Es ist unser Geburtsrecht, einfach nur zu sein. Wenn wir einfach nur in uns ruhen und unserer inneren Führung folgen, kann uns nichts aus unserer Mitte herausziehen. Die intensivste körperliche Erfahrung davon können wir bis heute in den genannten Kampfkünsten machen: Nur aus unserer Mitte heraus können wir mit dem Gegenüber interagieren. Sobald wir unser Gleichgewicht verloren haben, sind wir besiegt. Haben wir gelernt, bei uns zu bleiben, ohne anzugreifen oder Angst vor einem Angriff zu haben, werden wir „unbesiegbar“. Es gibt einfach keine Angriffsfläche mehr. Dadurch wird das Leben mühelos, wir können einfach tun, weswegen wir auf die Welt gekommen sind, und alles wird zu einem magischen Spiel.

2. „Yi 醫“: Die chinesische Medizin. Leider ist das mit dem „einfach in der eigenen Mitte ruhen“ nicht ganz so einfach. Deswegen gibt es die chinesische Medizin. Wenn das Leben aus dem Rhythmus gerät, können wir es bis zu einem bestimmten Punkt durch äußere Anwendungen, wie zum Beispiel Akupunktur, Moxibustion (Wärmetherapie), Tuina (Massage) oder Kräutertherapie, wieder in den richtigen Rhythmus bringen.

3. „Xiang 相“: Die Betrachtung der äußeren Welt – und das ist zuerst einmal Feng Shui. Man könnte sagen: Akupunktur arbeitet mit Qi in deinem Körper, Feng Shui bewegt das Qi in deiner Wohnung. Interessanterweise gehört zu Feng Shui auch die chinesische Gesichtsanalyse. Denn auch dein Gegenüber gehört zur „äußeren“ Welt. Und am Gesicht können wir erkennen, welche Kräfte uns gegenüberstehen. Wissenschaftliche Studien bestätigen mittlerweile viele Aussagen der chinesischen Gesichtsdiagnostik.

4. „MingLi 命理“: Lebenswissenschaften. Für die Daoisten tragen wir alle Fähigkeiten, die wir für dieses Leben benötigen, bereits in uns. Unsere Aufgabe ist es, diese Fähigkeiten zu erkennen und in die Welt zu bringen. Mit den „Lebenswissenschaften“ kannst du herausfinden, wo deine persönlichen Ressourcen liegen, und so zum Beispiel einen Beruf finden, der zu dir passt. Oder nachschauen, an welcher Stelle du dir selbst immer wieder ein Bein stellst, und bessere Verhaltensstrategien entwickeln.

5. „Bu ⼘“: Das sind Prognose- und Orakelsysteme wie das Yi Jing (I Ging, „Buch der Wandlungen“) oder das „Qimen Dunjia“. Zeit ist demnach ein zyklisches Phänomen: Wenn ich zum Beispiel die Abfolge der Jahreszeiten verstanden habe, kann ich schlussfolgern, dass nach dem Frühling der Sommer kommt. Natürlich sind diese Techniken ein bisschen komplexer. Aber sie ermöglichen es uns, eine „begründete Vermutung“ über den weiteren Verlauf von Ereignissen anzustellen. Im Westen reden wir vielleicht von „Trendforschung“.

Erleuchtung finden

All diesen Techniken liegt als Kern die „Nei Dian“ (Innere Alchemie) zu Grunde. Es gibt eine „Struktur der Welt“, die sich in ihrer einfachsten Form in Yin&Yang ausdrückt und die materielle Welt der Phänomene erzeugt. Alle Techniken der Wu Shu sind nur die Anwendung dieser inneren Struktur auf bestimmte Bereiche unseres Lebens. Das höchste Ziel ist es „Wu Wei“ – das qualifizierte Nicht-Handeln – zu praktizieren. Stell dir einen Surfer vor, der geduldig wartet, bis die Welle genau an der richtigen Stelle vorbeikommt, und sie dann ganz mühelos reitet. Er ist nicht im Widerstand mit den Dingen, will auch gar nichts verändern. Und weil er genau versteht, was passiert, macht er sich die Kraft der Welle zu Nutze. Der Surfer in diesem Bild entspräche einem daoistischen Heiligen: Er ist ein „Sheng Ren“ – ein lebendiger Mensch. Auf buddhistisch würde man vielleicht sagen: erleuchtet. Und alle Bereiche der Wu Shu wollen uns auf diesem Weg führen.

Selbsterkenntnis & Weiterentwicklung

Was Feng Shui angeht, bedeutet das einfach: Warum findest du das schwarze oder das rote Sofa toll? Was ist der Grund dafür, dass du das eine oder das andere ablehnst? Welches Thema hängt daran? Wenn du das rote Sofa doof findest, dann ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass du auch „feurige“ Menschen anstrengend findest. Dann könntest du ja zum Beispiel mal nachschauen, ob du Probleme mit Emotionen hast. Das würde man dann auch im Bazi Suanming (der chinesischen Astrologie) erkennen können und es gäbe eine QiGong-Übung, die dir genau dabei hilft. Und wenn du willst, könntest du auch deine Ernährung umstellen, um dich bei der Bearbeitung des „Feuer-Themas“ zu unterstützen. Und Akupunktur anwenden. Und eine passende Meditation nutzen – und so verbindet sich alles mit allem. Feng Shui bietet dir dabei einfach eine tolle Möglichkeit, dich zu entwickeln. Denn alles, was um dich herum geschieht, bekommt auf einmal eine Bedeutung. Deine Wohnung, dein Arbeitsplatz, die Stadt, in der du wohnst, aber auch alle Menschen, die du triffst, werden zum Spiegel deiner selbst.

Gesetzmäßigkeiten für sich nutzen

Jetzt stell dir die Frage: Was wäre alles möglich, wenn du diese Gesetze kennen würdest und sie für dich selbst zu Hause einsetzen könntest? Was wäre, wenn du den Raum so „programmieren“ könntest, dass er dich bei dem, was du vorhast, unterstützt? Du könntest ja deinen Raum auch so „programmieren“, dass du besser lernen kannst. Oder früher ins Bett gehst und besser schlafen kannst. Oder einen neuen, besseren Job findest. Was würde passieren, wenn du dieses Wissen beim Hausbau einsetzen würdest? Ein Haus, das die Familie, die hier wohnt, unterstützt? Oder bei der Stadt- und Projektplanung? Wäre es nicht toll, wenn man Städte oder Wohnviertel für glückliche Menschen bauen könnte? Die Möglichkeiten, Feng Shui anzuwenden, sind endlos…